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Situation von Migrantinnen und Migranten

Agnieszka Kozakoszczak
Vorsitzende der Stiftung für Soziale Vielfalt, Mitglied der Bildungsgesellschaft gegen Diskriminierung

Wer sind die Migrantinnen und Migranten?

Der Begriff der Migrantinnen und Migranten ist ein weit gefasster und bezieht sich auf Personen, die sich in unterschiedlichen Situationen befinden und unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Er umfasst u. a.: 

  • Personen, die hauptsächlich mit dem Ziel der Erwerbstätigkeit in ein anderes Land gekommen sind (wirtschaftliche Migration),
  • ausländische Studierende, die zu Bildungs- und Forschungszwecken eingereist sind,
  • Personen, die internationalen Schutz suchen sowie solche, die als Flüchtlinge1 anerkannt sind (Flucht wird auch als erzwungene Migration bezeichnet, im Unterschied zu freiwilliger wie etwa wirtschaftlicher Migration).

Ein Grund für Migration kann auch darin bestehen, in einem Land leben zu wollen, das offener ist für Vielfalt und in dem es in einem höheren Maß möglich ist, seine Menschenrechte und bürgerlichen Freiheiten in Anspruch zu nehmen.

Manchmal verfügen Kinder und Jugendliche über keine persönliche Migrationserfahrung und dennoch stellt sie einen wichtigen Aspekt ihrer Identität dar – z. B. im Fall gemischter Familien (also solcher, in denen die Eltern aus unterschiedlichen Ländern kommen, unterschiedlicher Nationalität sind und/oder unterschiedliche Staatsangehörigkeiten besitzen) oder im Fall von Kindern, deren Eltern emigriert sind. In Polen trifft man auch immer häufiger auf Kinder, die zusammen mit ihren Eltern in einem anderen Land gelebt haben, dann aber nach mehreren Jahren in ihr Herkunftsland zurückgekehrt sind (Remigration).

Abhängig von ihrem rechtlichen Status im jeweiligen Land (z. B. als Asylbewerber, anerkannte Flüchtlinge oder Personen mit einer befristeten Aufenthaltsgenehmigung bzw. einer unbefristeten Niederlassungserlaubnis), haben Migrantinnen und Migranten verschiedene Rechte (z. B. legal eine Arbeit aufnehmen zu können oder nicht) und Pflichten (z. B. das Dokument, das sie zum Aufenthalt/Verbleib im jeweiligen Land berechtigt, verlängern zu lassen).

Trotz aller formellen Unterschiede verbindet viele Migrantinnen und Migranten die Erfahrung und Herausforderung, sich in einer neuen Umgebung einzuleben (z. B. in der Schule, der Altersgruppe), kulturelle Normen kennenzulernen und zu verstehen, eine neue Sprache zu lernen, von wichtigen, ihnen nahestehenden Menschen getrennt zu sein, aber auch am sog. Kulturschock (auch Anpassungsstress) oder an einer post-traumatischen Belastungsstörung zu leiden (PTBS – speziell im Fall von Geflüchteten, die ein Trauma und Gewalt erlebt haben, sich in Lebensgefahr befunden hatten oder den Tod nahestehender Personen mit ansehen mussten). Eine für manche Migrantinnen und Migranten schwierige und unangenehme Erfahrung ist es, durch das Prisma von Stereotypen und Vorurteilen wahrgenommen zu werden und Diskriminierung und Aggression ausgesetzt zu sein (wie Rassismus, Fremden- oder Islamfeindlichkeit).

Migration in Deutschland, Polen und Europa

Die Zahl der Migrantinnen und Migranten steigt in Europa und weltweit kontinuierlich an.

In der folgenden Tabelle sind Zahlen zum Anteil von Migrantinnen und Migranten in Deutschland, Polen und Europa aufgeführt für die Jahre 2017/ 2018. Die Migration kann in jedem Land etwas anders definiert werden. Es kann Einfluss auf die unten präsentierten Daten haben.


Deutschland Polen Europa
Wie viel Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner sind Migrantinnen und Migranten?

16,5% wurden nicht in Deutschland geboren, 25% haben Migrationshintergrund Migrantinnen und Migranten machen weniger als 2% aus 8% sind Migrantinnen und Migranten, 4,4% der EU-Einwohner stammen aus Ländern außerhalb der EU
Woher kommen die meisten Migrantinnen und Migranten? Türkei (14,4%), Polen (ca. 11%), Russland (7%) Ukraine (weniger als 50%), Deutschland (ca. 6%), Belarus (5%), Russland und Vietnam (je 3%)
Wo wohnen die meisten Migrantinnen und Migranten? Bremen, Berlin, Hamburg (am wenigsten auf dem Gebiet der ehemaligen DDR) Woiwodschaften Masowien (Warschau), Kleinpolen (Krakau), Niederschlesien (Breslau)

Quelle: UNO, Eurostat, destatis.de, Migration Policy Institute, polnisches Ausländeramt.

Kulturelle und ethnische Vielfalt – Potenzial und Herausforderungen

Die oben angeführten Statistiken zeigen, dass die deutsche Gesellschaft im Hinblick auf Nationalität und Herkunft (sowie auf Hautfarbe und Religion) wesentlich vielfältiger ist als die polnische, was sowohl eine Folge von geschichtlichen, gesellschaftlichen und politischen Umständen ist, wie auch das Ergebnis einer liberaleren Migrationspolitik. Gleichzeitig nimmt der Anteil von Migrantinnen und Migranten in beiden Ländern kontinuierlich zu – seit vielen Jahren ist diese demografische Entwicklung unverändert und sollte bei der Organisation eines Austauschs berücksichtigt werden. Das Thema birgt großes Potenzial für den Wissens- und Erfahrungsaustausch, die Förderung und Befriedigung jugendlicher Neugierde sowie dafür, die Welt aus verschiedenen Blickwinkeln kennenzulernen. Gleichzeitig birgt es Herausforderungen. Manchmal kommt es vor, dass Teilnehmende aus Polen verwundert oder beunruhigt sind, wenn sich herausstellt, dass ihre Austauschpartner auf deutscher Seite Schüler/-innen türkischer oder syrischer Abstammung sind. Die Jugendlichen aus Deutschland wundert sich wiederum manchmal, welche Bedeutung Religion und religiöse Praktiken für ihre polnischen Partner haben, oder auch über die „polnische Gastfreundschaft“, die sich in reichhaltigen gemeinsamen Mahlzeiten äußert sowie darin, die Jugendlichen beharrlich zum Essen aufzufordern.

Während einer Begegnung kommt es gelegentlich auch zu überraschenden Situationen – z. B. wenn ein polnischstämmiger Schüler, der seit einigen Jahren in Berlin lebt, als deutscher Teilnehmender an der Begegnung teilnimmt. 


Will man eine für beide Seiten gewinnbringende interkulturelle Begegnung organisieren, empfiehlt es sich:

  • die Jugendlichen und ihre Eltern darauf vorzubereiten, dass sie es mit Personen unterschiedlicher ethnischer und kultureller Herkunft, mit unterschiedlicher Hautfarbe oder Religion zu tun haben können – über eventuelle Sorgen zu sprechen und Sachwissen zu vermitteln, das an die Stelle von vorgefertigten Bildern im Kopf und von Stereotypen tritt,
  • sich kritisch mit Rassismus, Nationalismus, Fremden- oder Islamfeindlichkeit auseinander zu setzen – diese Phänomene zu besprechen und sich zu überlegen, woher sie kommen und was wir tun können, um ihnen entgegenzuwirken,
  • die Vielfalt, die in der Gruppe oder in der unmittelbaren Umgebung besteht, kennenzulernen und über sie nachzudenken – vielleicht gibt es unter den Teilnehmenden des Austauschs solche, die selber oder in ihrer Familie über Migrationserfahrung verfügen, deren Vorfahren aus unterschiedlichen Teilen der Welt kommen oder gerade eben nicht – deren Familien schon immer fest mit einem Ort oder einer Region verbunden waren?
  • sich seine eigenen Stereotype und Vorurteile bewusst zu machen (mehr zu Stereotypen und Vorurteilen) sowie durch sein eigenes Vorbild und durch Offenheit eine positive Atmosphäre hinsichtlich Vielfalt zu schaffen.
  • 1 Nach der sog. Genfer Konvention, also dem Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge, das am 28. Juli 1951 in Genf verabschiedet wurde, handelt es sich bei einem Flüchtling um eine Person, die „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will […]“.

Materialien auf Deutsch:

  • Übung „Wer sind ich?“ (PDF) in: Institut für Menschenrechte (Hrsg.): Kompass. Menschenrechtsbildung für die schulische und ausserschulische Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, 2018.

Materialien auf Englisch:

Materialien auf Polnisch →

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