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Instrument zur Beschreibung kultureller Unterschiede

Dominika Cieślikowska
Psychologin, Trainerin, Mitglied der Bildungsgesellschaft gegen Diskriminierung

Darüber, dass sich Menschen ähneln, aber voneinander unterscheiden.

Wir alle müssen essen (um das grundlegendste körperliche Bedürfnis als Beispiel zu nehmen), aber wie wir dieses Bedürfnis befriedigen, kann sich von Mensch zu Mensch unterscheiden und von den jeweiligen persönlichen Vorlieben, der Lebenslage oder den bisweilen missachteten kulturellen Normen und Werten abhängen. Essgewohnheiten sind Gegenstand interkultureller Vergleiche, wie auch viele andere Aspekte des Lebens, wie z. B. der Umgang mit Zeit (Pünktlichkeit, Lebenstempo, die Bedeutung von Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft), die Bedeutung einer Gruppe und eines Individuums im Leben der Menschen, Prioritäten beim Bestimmen des Werts von verschiedenen zwischenmenschlichen Beziehungen, aber auch das Dilemma, was wichtiger ist: Menschen oder Aufgaben. 

Forscher/-innen haben begonnen, Kulturen unter Zuhilfenahme von so genannten Dimensionen zu vergleichen, d. h. mit Linien, deren Endpunkte gegensätzliche Tendenzen markieren und auf denen sie jedes der Länder entsprechend der Untersuchungsergebnisse zwischen diesen Extremen einordnen:

  • Kollektivismus — Individualismus 
  • Konventionen — Spontanität
  • Tradition/Vergangenheitsorientierung — Modernität/Zukunftsorientierung 
  • Aufgaben — Beziehungen 
  • Kultur — Natur 
  • Hohe Kontextbezogenheit — Niedrige Kontextbezogenheit

Darüber, wie Forscher/-innen das Verhalten von Menschen aus verschiedenen Kulturen verglichen haben

Verschiedene Forschungsgruppen haben kulturelle Unterschiede anhand von Dimensionen beschrieben. Eines der bekanntesten Konzepte ist die Vergleichsmethode von Geert Hofstede1 (s. auch Trompenaars und Humpden-Turner2 sowie Hall3). Hofstede, der für einen internationalen Konzern arbeitete, wollte seinen Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Ländern dabei helfen, sich besser zu verständigen und das Verhalten von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen vorherzusehen. Obwohl der Konzern allgemeingültige Prinzipien der Zusammenarbeit eingeführt hatte, kam es zu Missverständnissen und Konflikten, da sich die Mitarbeiter/-innen von Angewohnheiten und Gewohnheiten leiten ließen, die sich aus ihrem kulturellen Umfeld ergaben. Nehmen wir einmal ein Arbeitstreffen (es könnte aber auch eine Elternversammlung sein), das für 9:00 Uhr einberufen wurde und an dem Personen aus unterschiedlichen Ländern teilnehmen sollen. Kennen wir die kulturellen Unterschiede beim Umgang mit Zeit, ist vorhersehbar, dass ein Teil der Personen genau um 9:00 Uhr erscheint, andere warten bereits seit 8:45 Uhr vor dem Raum, wieder andere kommen um 9:15 Uhr, und vielleicht gibt es auch solche, die um 10:00 Uhr erscheinen mit dem Argument, dass sie noch ein wichtiges Gespräch führen oder vernünftig frühstücken mussten. 

Dabei stellt sich die Frage: Wer kommt zur rechten Zeit? In der Wahl einer der Gruppen äußert sich unsere eigene (individuelle und kulturelle) Einstellung zu Zeit. Aus der Perspektive der interkulturellen Dimensionen sind alle zur rechten Zeit gekommen, nur dass jeder das Konzept von Zeit ein wenig anders verstanden hat. Viele Menschen messen Zeit heutzutage mit einer Uhr (monochronische Kulturen), wurden aber mit verschiedenen Vorstellungen von Pünktlichkeit erzogen. Die einen werden glauben, dass man dann pünktlich ist, wenn auf der Uhr genau die Zeit angezeigt wird, zu der man sich verabredet hat, andere, dass dies etwas vor der vereinbarten Zeit ist, und wieder andere, dass Pünktlichkeit den Zeitraum bis z. B. 15 Minuten nach der vereinbarten Stunde umfasst. Für Vertreter/-innen polychroner Kulturen ist eine Uhr nur einer der Faktoren, die Zeit bestimmen, neben anderen Prioritäten, Aufgaben oder Werten. Deshalb bedeutet Pünktlichkeit für sie, dann einzutreffen, wenn entsprechend der geltenden Wertehierarchie (z. B. Familienangelegenheiten) die wichtigsten Dinge erledigt sind. Die Kulturdimensionen sollen dabei helfen, kulturelle Unterschiede auf Faktenebene zu beschreiben, ohne Verhalten aufgrund von eigenen kulturellen Präferenzen zu bewerten und zu interpretieren. Daher habe ich bei dem o. g. Beispiel den Ausdruck, „zur richtigen Zeit kommen“ verwendet (auch wenn dieser in verschiedenen Kulturen unterschiedlich wahrgenommen wird) und nicht „pünktlich sein“ (was bereits eine Interpretation und Bewertung der Einstellung zu Zeit nach einem konkreten Konzept darstellt). 


Wie Geert Hofstede Kulturen verglichen hat

Geert Hofstede, Pionier auf dem Gebiet des Kulturvergleichs, hat Menschen aus knapp 70 Ländern untersucht. Dabei interessierte ihn, wie die Kultur die Werte und Verhaltensweisen von Menschen prägt. Dazu führte er ein Modell mit fünf Dimensionen ein (im Laufe seiner weiteren Forschungen kam eine sechste hinzu), anhand dessen die Werte, die für die Menschen in einzelnen Ländern wichtig sind, verglichen werden können. Sein Konzept ermöglicht es, anhand der folgenden Dimensionen ausgewählte Länder zu vergleichen (nachstehend die Ergebnisse für Deutschland, Polen, die Ukraine und die Türkei): 

  • Die Einstellung zur Verteilung von Macht/Machtdistanz (die einzelnen Gesellschaften sind nach einer stärker oder schwächer hierarchischen Struktur organisiert, wobei der Platz des Individuums innerhalb der jeweiligen Struktur großen oder geringen Einfluss auf sein Leben und seine Beziehungen innerhalb der Gruppe haben kann). Die über ein Online-Vergleichswerkzeug gewonnenen Ergebnisse zeigen, dass Deutschland das am schwächsten, die Ukraine hingegen das am stärksten hierarchisch gegliederte der vier Länder ist. Polen und die Türkei rangieren – mit recht ähnlichen Ergebnissen – irgendwo auf der Mitte der Skala (siehe unten stehende Grafik).
  • Die Einstellung zu Individualismus und Kollektivismus (diese Dimension zeigt, ob sich Menschen eher als „ich“ oder als „wir“ definieren, ob sie sich eher als unabhängige, selbstständige Personen fühlen oder als Mitglied einer sozialen Gruppe sowie was für sie am wichtigsten ist: das Gefühl, einer Gruppe anzugehören, oder das Verwirklichen ihrer individuellen Bedürfnisse, Sehnsüchte und Aufgaben). Das am stärksten individualistisch geprägte Land ist Deutschland, nur geringfügig schwächer Polen. Die Türkei hingegen und vor allem die Ukraine stellen Kollektivismus über Individualismus wenn es um das Verhalten von Individuen und Gruppen geht. 
  • Die Überlegenheit „maskuliner” und „femininer” Eigenschaften (Kulturen lassen sich in solche einteilen, in denen Erfolg, Ziele und Rivalität den wichtigsten Handlungsantrieb darstellen – stereotyp „männliche“ Kulturen im Gegensatz zu sog. „femininen“, die sich durch eine größere Wertschätzung von Beziehungen, Hilfe und zwischenmenschlichen Beziehungen auszeichnen). Deutschland und Polen erscheinen in den Untersuchungen von Geert Hofstede als stärker maskuline Länder, die Türkei hingegen und insbesondere die Ukraine als feminine.
  • Unsicherheitstoleranz (in manchen Ländern fühlen sich die Menschen ohne rigoros geltende Vorschriften freier, wobei sie mehr Unsicherheit und Unvorhersehbarkeit tolerieren, während in anderen Kulturen das Minimalisieren des Unsicherheitsrisikos damit einhergeht, dass Regeln, Prozeduren und Vorschriften erarbeitet und strenger eingehalten werden). Nach dem Modell von Hofstede wird Unsicherheit von allen verglichenen Ländern in sehr starkem Maße vermieden. Regeln, Prozeduren und Rechte sind jedoch besonders für die Ukraine und Polen von Bedeutung. 
  • Die Einstellung der Zukunft gegenüber (Dimension, die das Bedürfnis nach Planung und der Orientierung an der Zukunft bzw. die Orientierung an der Vergangenheit und Wertschätzung des Gewesenen misst). Die polnische Kultur konzentriert sich nicht auf die Zukunftsplanung. Etwas langzeitorientierter sind die Türkei und die Ukraine und am meisten auf die Zukunft orientiert sind die Deutschen.
  • Zurückhaltung/Disziplin im Leben (diese Dimension beschreibt das Maß, in dem Menschen ihre Wünsche und Impulse kontrollieren oder ihnen nachgeben und sich im Leben von ihnen leiten lassen). Es lässt sich feststellen, dass alle vier ausgewählten Länder eher restriktiv sind und sich kaum von ihren Wünschen leiten lassen. Dies gilt besonders für die Ukraine, aber auch in hohem Maße für Deutsche und Polen. Die Untersuchungen zeigen, dass Türken am besten das Leben genießen können. 
Grafik: Vergleich von Kulturen mittels Compare Countries (auf Englisch) nach Geert Hofstede (2020).

Wer sich für das Vergleichen von Kulturen anhand dieser Bereiche interessiert und mehr über das Modell zum Beschreiben der Dimensionen wissen möchte, kann sich die Internetseite Compare Countries (auf Englisch) mit dem Vergleichswerkzeug anschauen.


Wie nutzt man die Dimensionen?

Die Dimensionen, verstanden als gewisse Verallgemeinerungen, können bei den Vorbereitungen auf eine Reise in ein anderes Land wertvolle Hilfestellungen geben. Man kann auf sie zurückgreifen und die charakteristischen Eigenschaften eines Landes überprüfen und dabei seine interkulturellen Kompetenzen verbessern. Man sollte sich jedoch nicht krampfhaft an sie klammern, da gemittelte Ergebnisse statistischer Untersuchungen bei individuellen Beziehungen in die Irre führen können. Ob unser türkischstämmiger Kollege aus Deutschland eher „türkisch“, „deutsch“ oder „international“ sein wird, hängt von vielen Faktoren ab, darunter von seinen Lebensumständen. Die Dimensionen helfen einzig vorherzusehen, welche Bereiche bei einer internationalen Zusammenarbeit von besonderer Bedeutung  sein könnten, wo Unterschiede und wo Ähnlichkeiten auftreten könnten. Jeder Mensch ist ein einzigartiges Mosaik aus verschiedenen Einflüssen, Eigenschaften und Werten, und deshalb wird jede Begegnung ihre eigene und unvergleichliche Dynamik haben, auf die man sich nur begrenzt vorbereiten kann. Eine solche Vorbereitung wird vor allem für diejenigen wertvoll sein, die Unsicherheiten vermeiden (also gleichermaßen für den/die durchschnittliche/-n Polen/Polin, wie für den durchschnittliche/-n Deutsche/-n, Ukrainer/-in oder Türken/-in). Am besten überprüft jeder selbst, inwieweit es für ihn oder sie hilfreich ist, das Verhalten von Menschen aus verschiedenen Kulturen vorherzusehen und wie gut er oder sie die eigene Kultur kennt. Achtsamkeit zu praktizieren, auf Bewertungen und Interpretationen zu verzichten sowie sich die eigene emotionale Einstellung zu konkreten Aspekten des interkulturellen Austauschs bewusst zu machen, können sich als das wirkungsvollste Instrument zur Unterstützung zwischenmenschlicher Begegnungen erweisen.

  • 1Hofstede, Geert: Kultury i organizacje. Zaprogramowanie umysłu, Polskie Wydawnictwo Ekonomiczne, Warschau 2007.
  • 2Trompenaars, Fons / Hampden-Turner, Charles: Siedem wymiarów kultury: znaczenie różnic w działalności gospodarczej, Oficyna Ekonomiczna, Krakau 2002.
  • 3Hall, Edward: Bezgłośny język, Państwowy Instytut Wydawniczy, Warschau 1987.
    Hall, Edward: Ukryty wymiar, Muza, Warschau 2003.
    Hall, Edward: Poza kulturą, PWN, Warschau 2001.
    Hall, Edward: Taniec życia. Inny wymiar czasu, Muza, Warschau 1993.
    Hall, Edward: Czwarty wymiar w architekturze: studium o wpływie budynku na zachowanie człowieka, Muza, Warschau 2001.

Materialien auf Englisch:

  • House, Robert J. et al.: Culture, Leadership and Organizations: The GLOBE Study of 62 Societies, Sage Publications, 2004.
  • Lewis, Richard. D: When cultures collide. Leading across cultures, Nicholas Brealey International, Boston / London 2007.
  • Internetseite Toolshero, die sich mit dem Einfluss von interkulturellen Unterschieden auf das Verhalten im interkulturellen Geschäft auseinandersetzt (nach dem Konzept von Richard R. Gesteland).
  • Internetseite Globe Project, die die Ergebnisse von Studien zum Einfluss der Kultur auf den Führungsstil präsentiert (nach dem Konzept von Robert J. House).
  • Internetseite Hofstede Insights, die einen Vergleich von Werten in verschiedenen Ländern ermöglicht (nach dem Konzept von Geert Hofstede).
  • Internetseite CrossCulture, die das Kulturmodell von interkultureller Kommunikation nach dem Konzept von Richard R. Lewis beschreibt.
  • Internetseite Mindtools, die sich mit sieben Kulturdimensionen nach Fons Trompenaars und Charles Hampden-Turner auseinandersetzt.
  • TED: „Cross cultural communication” (Pellegrino Riccardie) auf YouTube.
  • TED: „Don’t ask where I’m from, ask where I’m a local” (Taiye Selasi) auf YouTube.
  • TED: „The danger of a single story” (Chimamanda Ngozi Adichie) auf YouTube.

Materialien auf Polnisch →

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