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Neurodiversität im internationalen Jugendaustausch

Götz Kolle
Referent und Facilitator

Neurodiversität – die Vielfalt der Gehirne

Der Ansatz der Neurodiversität besagt, dass es viele verschiedene Arten von Gehirnen gibt und dass diese Unterschiede normal und wertvoll sind.

Neurotypisch und neurodivergent

Menschen denken also unterschiedlich und stellen auf verschiedene Weisen Bezug zur Welt her. Dennoch gibt es Menschen, deren Art zu denken und Informationen zu verarbeiten einander ähnelt und die insgesamt die Mehrheit der Bevölkerung bilden. Diese Menschen werden als „neurotypisch“ bezeichnet.

Der Begriff „Neuro-Minderheit“ verweist auf Menschen, die als Minderheit nicht neurotypisch sind. Bei ihnen funktioniert das Gehirn etwas anders als bei neurotypischen Menschen. Diese Menschen werden auch als „neurodivergent“ bezeichnet.

Im Schnitt ist etwa eine von sieben Personen neurodivergent. Anders als bei neurotypischen Menschen können beispielsweise Wahrnehmung, Konzentration, Orientierung, Denkgeschwindigkeit, Abstraktionsvermögen, Arbeitsgedächtnis oder Impulskontrolle sein.

Zu den Ausprägungen der Neurodivergenz zählen unter anderem Autismus, die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Hypersensibilität, Dyskalkulie, Legasthenie, Dyspraxie, Synästhesie, Hochbegabung und weitere vom Durchschnitt abweichende Muster im Denken und Erleben.

Neurodivergente Jugendliche

Da es viele Ausprägungen von Neurodivergenz gibt, ist es schwer, allgemeine Aussagen über diese Jugendlichen zu treffen.

Oft allerdings haben neurodiverse Jugendliche Schwierigkeiten, mit ihren besonderen Eigenschaften Anerkennung zu finden. Sie leiden darunter, dass ihre Art, Informationen zu verarbeiten und zu denken, negativ wahrgenommen und korrigiert wird. Neurodivergente Jugendliche hören häufig Zurechtweisungen wie: „zapple nicht so“, „träum nicht“, „pass doch auf, du Tollpatsch“, „reiß dich zusammen“ oder „spinn nicht“.

Allerdings können neurodivergente Jugendliche auch positiv auffallen. Die Ausprägungen von der Neurodivergenz sind beispielsweise: Kreativität, unkonventionelles Denken, Authentizität in der Kommunikation oder Fokussierung.

Neurodiversität im internationalen Jugendaustausch

Bei internationalen Begegnungen geht es darum, neurologische Vielfalt anzuerkennen und inklusive Umgebungen zu schaffen, in denen alle Jugendlichen die gleichen Chancen haben.

Der erste wichtige Schritt für die Gruppenleitung ist, ein Bewusstsein für Neurodiversität in der Gruppe zu entwickeln. Nicht alle Jugendlichen gehen mit den gleichen kognitiven Voraussetzungen und Fähigkeiten in die Begegnung. Das heißt, es kann Unterschiede bezüglich des Denkens, Wissens, Lernens und der Wahrnehmung geben.


Fallbeispiel 1:
Wir fuhren Ende Oktober mit einer deutschen Gruppe zu einer Begegnung nach Polen. Das verabredete Programm hatte weder eine religiöse Thematik noch besondere religiöse Aktivitäten. Nach drei Tagen geschah etwas für die Deutschen seltsames: Immer mehr Teilnehmende aus Polen verschwanden vom gemeinsamen Programmort in der Bildungsstätte „wegen dringender Familienangelegenheiten“. Zurück blieb eine Gruppe aus Deutschland, die sich über diese seltsame „Epidemie“ wunderte. Erst auf Nachfrage erfuhren wir, dass es in Polen üblich ist, dass die ganze Familie am 1. November (Allerheiligen) gemeinsam auf den Friedhof geht, um die Gräber zu schmücken und der Toten zu gedenken. Diese religiös-familiäre Verpflichtung wog für die Teilnehmenden aus Polen schwerer als die gegenüber der deutschen Gruppe eingegangene Verpflichtung des gemeinsamen Programms. Um es nicht zu einem Konflikt kommen zu lassen, entschlossen wir uns, mit der deutschen Gruppe ebenfalls einen Friedhof zu besuchen, um zu sehen und zu erleben, welche Bedeutung der Friedhofsbesuch an diesem Tag in Polen hat und mit welchen Ritualen er verbunden ist. Somit hatten wir die Gelegenheit, einen wichtigen Teil der polnischen Kultur unmittelbar zu erleben und schließlich doch noch und ungeplant über die Bedeutung religiöser Traditionen in beiden Ländern miteinander ins Gespräch zu kommen.


Fallbeispiel 2:
Maria ist gut in die Gruppe integriert und auch beliebt. Allerdings ist sie schnell genervt und ihre Ausdauer ist geringer als die der anderen. Während der Stadttour am Vormittag und beim Baden nach dem Mittagessen war sie noch gut dabei, doch bei den Spielen am Nachmittag rastet sie plötzlich aus. Sie ist sehr wütend und lässt niemanden mehr an sich heran.

Neurodivergente Jugendliche sind sehr unterschiedlich. Reizüberflutung und Stress führen allerdings häufiger zu Problemen und sollten daher bei der Planung der Begegnung berücksichtigt bzw. vermieden werden:

Eine reizarme Umgebung für die Begegnung (z. B. auf dem Land), ausreichend Pausen und Ruhezeiten, Rückzugsorte und klare Strukturen und Abläufe könnten konkrete Maßnahmen sein, die eine Begegnung in Bezug auf Neurodiversität inklusiver machen.

Manche Herausforderung wird sicherlich erst in der Begegnung selbst sichtbar. Hier sind ein sensibler Umgang und ein Gespräch mit den einzelnen Personen über ihre Bedürfnisse wichtig. Vielleicht kann bei der Zimmervergabe auf den besonderen Bedarf nach Rückzug Rücksicht genommen werden? Vielleicht können extra Pausen oder eine Ruhezeit eingerichtet werden? Neben aufputschenden Energizern kann der regelmäßige Einsatz von beruhigenden Kurzinterventionen (z. B. Entspannungstechniken, Traumreisen oder Bastelaktivitäten) nicht nur neurodivergenten Jugendlichen dabei helfen, Stress und Aufregung abzubauen.


Fallbeispiel 3:
Jan ist bei der Begegnung an vielen Stellen überfordert. Er verliert schnell die Orientierung darüber, wo er sich gerade befinden soll, kommt zu spät oder muss gesucht werden. Besonders bei spontanen Aktionen reagiert er verwirrt und gestresst. Gut strukturierte und klar kommunizierte Tagesabläufe sind besonders für neurodivergente Jugendliche (z. B. aus dem ADHS- und Autismus-Spektrum) wichtig. Dabei sind tägliche Routinen hilfreiche Anker zur Orientierung. Rituale wie der Morgenkreis und die Abendrunde bieten zudem die Möglichkeit, regelmäßig nach dem Befinden zu fragen und somit jeden einzelnen Jugendlichen im Blick zu behalten. Hier kann auch eine regelmäßige Orientierung bezüglich des Tages- und Wochenprogramms gegeben werden. So sind alle über die kommenden Aktivitäten informiert und können sich darauf einstellen. Besonders visuelle Tagespläne können die Kommunikation und das Verständnis erleichtern. Bei spontanen Aktivitäten soll das Projektteam beachten, wie sich die Gruppenmitglieder einander unterstützen können.


Fallbeispiel 4:
Julia stellt sich bei der Anmoderation eines Energizers abseits der Gruppe. Als die Leitung sie bittet, dabei zu sein, kommt sie widerwillig in den Kreis. Doch die erforderlichen schnellen Reaktionen fallen ihr sichtlich schwer, sodass sie schnell in der Mitte des Kreises landet. Sie wird hochrot und ist unfähig, weiterzuspielen. Generell ist bei der Auswahl von Aktivitäten und Methoden Sensibilität wichtig. Übungen mit viel Körperkontakt oder bestimmten Formen von Wettbewerben (Schnelligkeit, Reaktionsgeschwindigkeit, Kreativität etc.) können für einzelne Jugendliche überfordernd sein. Hier sind Fingerspitzengefühl und besondere Aufmerksamkeit bei der Anleitung gefragt. Grundsätzlich sollte die Teilnahme an diesen Übungen freiwillig sein. Bei der Ankündigung sollte daher immer auch die Möglichkeit benannt werden, nicht mitzumachen bzw. nur zuzusehen.


Fallbeispiel 5:
Jakubs Verhalten kommt den anderen Jugendlichen seltsam vor. Er summt manchmal vor sich hin, spricht mit sich selbst und läuft immer wieder im Kreis. Die Jugendlichen lachen über ihn und nennen ihn „Psycho“.

Das Projektteam sollte Diskriminierungen aufgrund neurologischer Fähigkeiten wahrnehmen, ernst nehmen und entsprechend handeln. Dabei können die Jugendlichen auch über selbststimulierendes Verhalten (Stimming) aufgeklärt werden,  dass es eine natürliche Form des Selbstausdrucks und der Selbstregulierung ist.

Alle Jugendliche in der Gruppe – ob neurotypisch oder neurodivergent – sollten ihren Platz darin finden und sie durch ihre Individualität bereichern können. Dies wird dadurch unterstützt, dass die Fähigkeiten und individuellen Möglichkeiten der einzelnen jungen Menschen berücksichtigt werden und ihnen ermöglicht wird, ihr Potenzial während der Jugendbegegnung zu entfalten. Ich habe z. B. immer wieder gute Erfahrungen mit der „Passion-Night“ gemacht. Dabei werden alle Jugendlichen gebeten, ihre persönliche „Passion“ (Leidenschaft) zu präsentieren oder darüber zu sprechen. Hier funkeln plötzlich manche Diamanten auf, die im Gruppenalltag übersehen oder belacht werden.


Materialien auf Deutsch:

WISSEN ERWEITERN